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Die Zukunft des Internets

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Kategorie Web | 17 Kommentare »

In den letzten Tagen hatten wir Forschungsprojekttreffen des EU Projekts SUPER in Saarbrücken bei der IDS Scheer mit mehr als 50 Teilnehmern. Auch wenn die Organisation und Durchführung des Treffens sehr viel Arbeit gemacht hat, hat sich doch die Mühe gelohnt. Am ersten Tag berichtete der wissenschaftliche Leiter des Projekts John Domingue von der Open University von einer neuen EU Initiative, die sich nicht weniger vorgenommen hat, als die Zukunft des Internets zu gestalten…

Heute scheinen die Hauptspieler des Internets die großen Giganten wie Google, Yahoo, Microsoft aber auch MySpace und Facebook zu sein. Dabei übersieht man leicht, dass diese Firmen das Internet vielleicht populär gemacht haben, aber das Internet nicht von ihnen erfunden wurde. Tatsächlich stand am Anfang wie so häufig der militärische Nutzen. So wurde mit dem Arpanet eine Reihe von US Hochschulen, die alle für das US Verteidigungsministerium arbeiteten, in einem verteilten Netzwerk verbunden. Dabei wurden massiv öffentliche Gelder investiert, zum Beispiel aus dem Verteidigungshaushalt der entsprechenden Länder.

Seit damals hat sich das Internet prächtig entwickelt und ist heute für viele Menschen ein wichtiges Medium, auch wenn immer noch der größte Teil der Menschheit keinen Zugang hat. Obwohl das WWW, so wie wir es heute kennen, vor nicht mal 20 Jahren entwickelt wurde, sind trotzdem erste Alterungserscheinungen zu erkennen. So werden die verfügbaren Adressen knapp und die ursprüngliche Struktur des Internets war nie gedacht für Internettelefonie und Fernsehübertragungen.

Momentan lassen sich durch entsprechende technische Erweiterungen und clevere Lösungen wie IPv6 diese Probleme noch recht gut lösen, aber es ist absehbar, dass einige fundamentale Änderungen notwendig sind, um auch in Zukunft ein hoch skalierbares, vertrauenswürdiges, interoperables, allgegenwärtiges und mobiles Medium für die Menschheit zu bieten. Folgerichtig gibt es Forschungsinitiativen, die sich mit der Weiterentwicklung beschäftigen.

Eine dieser Initiativen wird von der Europäischen Kommission unter dem Titel „Future Internet“ betrieben. Momentan hat die EU schon rund 400 Millionen Euro in diese Initiative investiert. Dies geschieht z.B. über öffentliche Forschungsprojekte, die zum Teil von der EU finanziert werden. In gewissem Umfang kann man das Forschungsprojekt SUPER ebenfalls als ein solches Projekt begreifen, denn hier wird die Anwendbarkeit von semantischen Web Services in der Domain Geschäftsprozessmanagement erprobt.

Wo so viel Geld investiert wird, gibt es natürlich auch eine große Menge von Organisationen, die sich um die Finanzierung bemühen, wie zum Beispiel EURESCOM. Ende März gibt es auch eine entsprechende Konferenz, bei der eigentlich alle großen Firmen wie SAP, IBM und Cisco mit Vorträgen vertreten sind und auch hohe Vertreter entsenden. Eher aus der Semantic Web Community heraus gibt es auch ein entsprechendes Symposium, natürlich mitorganisiert vom Lobbyverband STI2.

Was da genau für das ganze Geld rauskommen soll, ist mir noch nicht wirklich klar, aber der Horizont von 15 Jahren und länger relativiert natürlich die hohen Investitionen. Naja, man kann vielleicht in 15 Jahren nochmal an diesem Post hier vorbei schauen und dann schreiben, was sich seit damals alles getan hat. Sollten wir bis dahin ein wirklich intelligentes Netz haben, dann sollte es ja selbst merken, dass dieser Beitrag wieder relevant ist und ihn entsprechend am 14. März 2023 erneut zur Diskussion stellen ;-)

17 Kommentare to “Die Zukunft des Internets”

  1. Micha sagt:

    Fundamentale Änderungen in 15 Jahren?

    Man muss sich nur mal anschauen, wie lange jetzt schon die Einführung von IPv6 versprochen wurde. (Seit 2000?)

    Wahrscheinlich werden wir alle fliegende Autos haben, bevor IPv6 flächendeckend eingesetzt wird. ;-)

    Aber mal im Ernst. Fundamental wird sich da imho nicht mehr viel tun. Man wird wie Intel kompatibel zu bestehendem bleiben müssen. Und wie bei Intel auch wird das irgendwie gehen… Alles Neue wird halt einfach oben drauf gestapelt. Das ist ein Zwang durch die hohe Verbreitung und damit verbundene Migrationskosten, die keiner bezahlen will.

  2. Sebastian sagt:

    Ja, wahrscheinlich tut sich auf reiner Übertragungs- und Netzwerktechnikebene nicht mehr so viel. Die Semantiker wollen eher neue Schichten oben drauf setzen, damit der Inhalt des Netz auch für Maschinen verständlich wird und Agenten selbständig im Netz nach Diensten suchen können. Ein weiteres Problem ist sicher die steigende Mobilität der Endgeräte. Heute steht in gewissem Sinne die IP nicht nur für das Endgerät, sondern auch für den Ort, an dem es sich befindet, da die meisten Rechner halt noch fest montiert sind. Dieser Bezug zwischen Ort und Endgerät wird sich aber nicht halten lassen.

    Ansonsten wird das sicher ein sehr langer Prozess sein. Interessant ist aber trotzdem sicher, wenn man in 15-25 Jahren mal schaut, was sich getan hat. Auch beim Fernsehen hat sich ja lange Zeit nichts mehr getan, bis irgendwann die digitale Übertragung kam und man anfing, die analoge Übertragung ganz einzustellen.

  3. Micha sagt:

    Ich glaub auch nicht, dass sich an der Ortsgebundenheit der IP was ändern wird, weil die ja das einzige Routinginstrument ist.

    Eher werden Websites damit Leben lernen, dass sich die IP ihres Besuchers während der Sitzung ändert. Durch die Session ID, die man fast überall bekommt, kann ja jede Anfrage von einer anderen IP kommen.

    Es gab sogar schon mal einen Berliner(?) Provider, der hat eine Zeit lang die IPs seiner Nutzer einfach durchrotiert. D.h. die hatten bei jedem Request eine andere IP. Einige (zumindest Deutsche) Webangebote hatten sich darauf eingestellt, damit sie keine Besucher/Kunden verlieren.

    Klar, bei nicht HTTP Angeboten wirds schwierig, aber wenn der Need da ist, werden auch da Lösungen kommen.

    So hoch ist ja auch die Mobilität nicht, dass der Aufwand gerechtfertigt wäre. Innerhalb eines gewissen Bereichs kann der Diensteanbieter (zB Handy) ja auch dafür sorgen dass die Mobilität seiner Kunden vor dem Rest des Internets versteckt wird. Er muss das Problem also nur „lokal“ lösen.

    An Semantic Web glaube ich nur beschränkt. Aber wir werden sehen, ob da noch jemand eine gute Idee hat, oder ob das ein Utopia bleibt. Bisher sind ja nur 10 Jahre vergangen.
    Aber ich bin überzeugt, wenn da was kommt, dann entwickelt sich das von selbst aus dem Netz heraus (Web 2.0 könnte man ja als erste primitive Ansätze sehen.) und nicht aus irgendwelchen koordinierten Forschungsprojekten.

    Der Output solcher Projekte hat im Netz eigentlich die gleiche Chance sich durchzusetzen, wie die Idee irgendeines Teenagers.
    Nur dass es eben ein paar Millionen Teenager gibt. Do the math.

    Forschung bekommt da eher beobachtenden/dokumentativen Charakter und ist keine treibende Kraft mehr.

  4. Sebastian sagt:

    Na lass das mal bloß nicht die EU hören, sonst können wir alle zukünftigen Forschungsanträge gleich sein lassen :-) Interessant und berechtigt ist deine Bemerkung aber trotzdem. Für mich ergibt sich dann aber die Frage, wie man all das Geld besser verwenden könnte?! Soll die EU einfach nur die Steuern senken oder vielleicht das ganze Geld in die dritte Welt investieren? Oder soll die EU vielleicht Risikokapital für Startups bereitstellen? Oder vielleicht sollte die EU das Geld für die Änderung ihrer eigenen Organisation und Infrastruktur verwenden, um Großkunde für die neuen Technologien zu werden? Vielleicht sollte die EU auch direkt Forschungsinstitute fördern und Cluster finanzieren, ohne über das Instrument von Forschungsprojekten zu gehen?

  5. Micha sagt:

    Wenn man die Selbstentwicklungskraft des Internets als Produkt aus allgemeinem Interesse und der Verfügbarkeit von Informationen sieht, kann man die Förderung ja auf die Bereiche beschränken, in denen dieses Produkt sehr klein ist.

    Das wäre ja zum Beispiel im Unternehmensumfeld der Fall. Die Nutzung des Internets für Unternehmen interessiert nur die Unternehmen und gleichzeitig sind Informationen nur beschränkt zugänglich, weil Unternehmen nur ungern ihr Wissen ausplaudern.

    D.h. es würde nur sehr wenig Entwicklung in diesem Bereich geben, wenn diese nicht direkt getrieben wird.

    Andererseits ist natürlich die Frage was die EU mit ihrer Förderung erreichen will. Da ich von Politikern immer nur das schlimmste annehme, würde ich reine Machtpolitik unterstellen.
    (Siehe auch europäisches Suchmaschinenprojekt und Navigationssystem)
    So gesehen wäre die Förderung mit Rüstungsausgaben vergleichbar und damit vergleichsweise sicher. ;)

  6. Ich beantworte nur deine Frage :-)

    Steuern senken wäre die richtige Lösung. Dann hätten die Menschen mehr Geld zur Verfügung, um es in die Projekte zu investieren, die sie für wichtig halten.

    Wer weiß wie das Internet – oder was auch immer ihm entsprechendes – aussehen würde, wenn es rein durch privaten Initiative entstanden wäre. Vielleicht hätten wir dann heute die von dir angesprochenen Probleme gar nicht :-)

    Vielleicht hätten aber die Menschen auch entschieden, dass es wichtigere Dinge gibt als das Internet. Dann hätten wir heute vielleicht keine Internet, aber ebenso auch keine Armut mehr auf der Welt?

    Wir werden es nie erfahren. Das alte Problem von „Was man sieht und was man nicht sieht.“ (http://bastiat.de/bastiat/was_man_sieht_und.html)

  7. Micha: „Die Nutzung des Internets für Unternehmen interessiert nur die Unternehmen und gleichzeitig sind Informationen nur beschränkt zugänglich, weil Unternehmen nur ungern ihr Wissen ausplaudern.“

    Wenn die Unternehmen ihre Geheimnishaltung höher bewerten als die Weiterentwicklung ihrer IT, so sei es.

    Wenn der Nutzen aber hoch genug zu sein verspricht, arbeiten auch Konkurrenten zusammen.

    Auch heute bilden sich bereits firmenübergreifende Konsortien, z.B. in der Automobilindustrie, wo die Entwicklung neuer Technoligien vorangetrieben und Standards definiert werden.

    Kosten und Nutzen liegen dann auch in einer Hand und sind nicht wie bei staatlichen Forschungsprojekten aufgesplittet: Den Nutzen hat die Industrie und die Kosten trägt die Allgemeinheit.

  8. Micha sagt:

    Früher war das Internet ja mal ein idealer Forschungsgegenstand. Keinen hat es interessiert und niemand wusste etwas darüber. Ergo keine Selbstentwicklungskraft.

    Aber das ist eben nicht mehr so. Inzwischen fließt so viel Geld und Denkleistung in das allgemein zugängliche Web, dass man da nichts mehr fördern muss.

  9. Micha sagt:

    @Martin Hedler:
    Mit „beschränkt zugänglich“ meine ich nicht garnicht zugänglich, sondern eben beschränkt. Sie sind zum Beispiel nicht jedermann von vorn herein zugänglich.

    An dieser Stelle ging es ja um das Produkt aus Verfügbarkeit und Interesse, was dafür sorgt, dass das Netz selbst Lösungen hervorbringt. Mit Verfügbarkeit meinte ich, dass jedermann alles problemlos nachlesen und verarbeiten kann, weil ich das Netz als alle seine Teilnehmer verstehe.

    Kosten und Nutzen sehe ich auch nicht so ungleich verteilt.
    Wenn es der Industrie gut geht, profitiert auch der Staat (zB. durch Steuereinnahmen (und Machtgewinn;-))

  10. @Micha:
    Jaja, „big business loves big government“. Leider ist der Staat nicht die Gesellschaft und auch die Industrie nicht, sondern jeweils nur ein Teil von ihr.

    Partikularinteressen halt ;-)

  11. Sebastian sagt:

    @Martin:

    Ich hatte ja schon fast vermutet, dass ich dir mit meiner Frage eine Steilvorgabe gebe… :-)

    Ich kann ja eine Gesellschaft sicher als ein System betrachten. Dieses System werkelt so vor sich hin und befindet sich in einem bestimmten Gleichgewicht. Erst wenn ein neuer Impuls kommt, dann verändert es sich, um sich an die geänderten Anforderungen anzupassen. Für manche Änderungen reichen kleine Impulse oder es wird gar kein Auslöser benötigt. Größere Änderungen benötigen aber einen Auslöser. Auf die Gesellschaft übertragen bedeutet dies, dass ich mir absolut nicht vorstellen kann, dass etwas wie Atomkraft, Autobahnen und Internet aus reinem Selbstantrieb entwickelt wird. Ich glaub ohne solche gesellschaftlichen Anreize wären wir heute noch im Mittelalter. Der einzelne Mensch ist nicht visionär und es würde sich auch keine breite Unterstützung für neue Ideen finden. Von daher befürworte ich schon gesellschaftlich initiierte Forschung. Oder anders formuliert: Ein System ohne jegliches ordnendes Element muss zwar nicht zwangsläufig im Chaos enden, aber die Chance ist ziemlich hoch.

  12. Micha sagt:

    Langsam bekomme ich das Gefühl, ihr habt mich beide nicht verstanden. Daher nochmal in anderen Worten:

    Ich betrachte das Netz selbst als eine Art gigantische Forschungsgruppe. Es gibt zwar kein extern vorgegebenes Ziel, aber je nach Interesse der einzelnen Knoten/Menschen, bilden sich dynamisch lose Cluster, die ein Thema bearbeiten.

    Und der Teil, der sich um die Weiterentwicklung des Webs selbst kümmert, ist imho so groß, dass es da keiner externen Stimulanz bedarf. (Ein paar hundert Nasen mehr oder weniger und ein paar Mio Euro machen da keinen Unterschied.)

    Das Geld und die Leute wären an anderer Stelle, wo das Interesse und damit die Clustergröße und die Verfügbare Denkleistung kleiner ist, viel effektiver.

  13. Micha sagt:

    Nachtrag, um euch noch ein wenig zu schocken und meine Vision zu verdeutlichen:

    Ein gutes Beispiel dafür, dass das Netz sich eben doch anders verhält, als die Einzelpersonen, aus denen es besteht, sind vielleicht die Linux-Distributionen. Da sind auch hochspezialisierte Aufgaben an das „Netz“ ausgelagert worden.

    Genauso kann ich mir auch vorstellen, dass Forschung in Zukunft an lose Cluster aus interessierten Leute auslagert und damit mehr oder weniger ehrenamtlich wird.

    Einige clevere Leuten machen das auch schon im Ansatz. Zum Beispiel einer vom MIT, der seine Genforschungsergebnisse auf einem Portal veröffentlicht, und durch die Welt reist, um Leuten die Mitarbeit daran schmackhaft zu machen. So auch beim 24C3:

    http://dewy.fem.tu-ilmenau.de/CCC/24C3/mpeg4/24c3-2329-en-change_me.mp4

  14. Hallo ihr beiden,

    @Micha: Mich schockst du damit nicht – ich bin da ganz auf deiner Seite, dass es keine staatlich koordinierte Forschung bzgl. des Internets bedarf. Im Gegenteil: Ich gehe sogar so weit, dass es überhaupt keiner staatliche Forschung bedarf.

    @Sebastian:
    Nationalstaaten nach unserem heutigen Verständnis sind ja noch sehr jung (etwa 200 bis 300 Jahre). Die meisten Erfindungen und zivilisatorischen Errungenschaften wurde (und werden) ohne staatliche Hilfe – sowohl in vorstaatlicher Zeit – als auch danach gemacht.

    Als wichtigstes kann hier wohl die Sprache genannt werden. Ich glaube nicht, dass vor einigen tausend Jahre eine Regierungskommission gegründet wurde, um dieses Kommunikationsmedium aus der Taufe zu heben :-)

    Die Sprache ist das Beispiel par excellence für eine sich selbst organisierende Ordnung. Noch weitere Erfindungen die ohne staatliche Einflussnahme gemacht wurden? Das Feuer(*), das Rad, Kleidung, Häuser, Waffen, Transportmittel (Kutsche, Schiff, Flugzeug, Auto), Buchdruck, Postwesen, Schrift, Geld, Autobahnen (**) – die Liste ist nicht vollständig.

    Auch bedarf es nicht des Staates um Menschen zu organisieren. Nichts hindert Menschen daran sich zusammenzuschließen, ihre Ressourcen zu vereinigen und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen – und das ganze freiwillig.

    Privatwirtschaftliche Unternehmungen, NGOs, Vereine, Clubs usw. zeigten und zeigen das auch heute noch (siehe auch **).

    Nichts anderes KÖNNTEN letztlich auch Staaten sein, nur das hier der Zusammenschluss nicht auf freiwilliger Kooperation beruht, sondern auf Zwang.

    Weder für kleine noch für große, aufwendige Forschungsprojekte und Erfindungen braucht die Gesellschaft den Staat. Wenn ein Projekt von den Menschen freiwillig nicht durchgeführt wird, dann, weil sie die Kosten höher einschätzen als den daraus erwachsenden Nutzen. Welcher Mensch oder welche Gruppe von Menschen dürfte sie dennoch dazu zwingen?

    Kleiner Einschub:
    Hayek führt aus, dass es zwei Arten von menschlichen Gesellschaften gibt: „Zielorientierte“ und „Regelorientierte“. Eine Zielorientierte Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass alle Mitglieder die gleichen Ziele habe, z.B. Überleben der Gruppe, Wanderung zu einem bestimmten Orts usw. Solche Organisationsformen findet man bei kleinen Stämmen und Horden und in Familien.

    Eine zielorientierte Organisation kann nur in kleinen Gruppen existieren. Wächst die Gruppe, wird es immer schwieriger die verschiedenen Einzelinteressen unter konkrete, gemeinsame Ziel zu vereinen. Es treten Konflikte auf, es bilden sich Teilgruppen und die Gemeinschaft zerfällt.

    Aus diesem Grund bilden sich in großen Gesellschaften eher regelorientierte Strukturen heraus. Die Menschen teilen nicht mehr konkrete gemeinsame Ziele sondern abstrakte allgemeine Regeln, z.B. „Kein Mensch darf einen anderen Menschen ermorden“, „kein Mensch darf einen anderen Menschen bestehlen“ usw.

    „Zielorientierte“ und „Regelorientierte“ Herangehensweisen widersprechen sich natürlich. Die Zielorientierte verfolgt das Prinzip „Der Zweck heiligt die Mittel“: Es ist legitim, um z.B. das Überleben der Gruppe zu sichern einen andern Menschen zu ermorden.

    Regelorientierte verfolgen das Prinzip „Der Zweck heiligt nicht die Mittel“: Selbst wenn ich oder meine Familie das Ziel verfolgen unseren Wohlstand zu verbessern, darf ich nicht einen anderen Menschen ermorden, um z.B. dessen Vermögen zu erben.

    Der Staat versucht nun aber die Unmöglichkeit, sowohl darauf zu achten, dass die Menschen die Regeln einhalten (Nicht Morden, Nicht Stehlen, nicht Nötigen usw. – sähe ich ihn gerne und finanziere ihn auch), gleichzeitig aber auch bestimmte Einzelinteressen (konkrete Ziele) zu verwirklichen. Dafür muss er jedoch all jene, die mit diesen Zielen nicht übereinstimmen wiederum zwingen, mitzumachen (z.B. sich über Steuern daran zu beteiligen).

    Das wird aber nicht lange gut gehen, denn auf diese Weise wandelt sich unsere Gesellschaft Stück für Stück von einer regelorientierten wieder zu einer zielorientierten und das wird sie früher oder später zerreißen. Denn jeder versucht seine Ziele den anderen aufzunötigen und wendet sich dazu an den Staat. Und jeder findet es absolut in Ordnung, dass der Staat dazu faktisch Gewalt und Androhung dieser anwendet.

    Die Menschen bekommen immer mehr den Eindruck, dass es völlig legitim und moralisch in Ordnung ist, wenn andere Menschen gezwungen werden, am erreichen fremder Ziele mitzuwirken, solange dieser Zwang nur vom Staat ausgeht.

    Aus diesem Grund nimmt der Kampf um staatlichen Einfluss immer aggressivere Ausmaße an. Alles ist erlaubt, wenn es denn nur vom Staat abgesegnet ist.

    Wir werden den Punkt erreichen die jeder zielorientierten Gesellschaft dieser Größe droht: Sie wird zerfallen.

    Einen schönen Sonntag wünsche ich :-)

    (*) Es gibt den Witz, dass das Feuer wahrscheinlich nie erfunden wurden wäre, wenn es damals schon einen Staat und eine Risikoabschätzung (Unbedenklichkeitsprüfung) gegeben hätte: Eine so gefährliche Erfindung (oh Gott, wenn ich nur an den CO2 Austoß denke) wäre doch sofort verboten wurden ;-)

    (**) Jaha, habe ich bis vor zwei Wochen auch nicht gewusst. Dachte ich doch, Autobahnen sind die Erfindung eines totalitärn Staates.
    Zitat von http://drchaos.eu/archives/2007/12/24/nieder-mit-dem-kompromiss.html:
    „Kein vernünftiger Mensch käme auf die Idee, ohne Autobahnen auskommen zu wollen, und doch waren es die Spinner, die Utopisten, die vor gut hundert Jahren zuerst auf die Idee kamen, man sollte das ganze Land mit einem Netz schneller, gut ausgebauter Strassen überziehen, auf denen man später einmal 120 km/h und schneller fahren können würde, sobald die dafür erforderlichen Fahrzeuge erst verfügbar wären – zum Zeitpunkt der ersten Planungen gab es so schnelle Autos höchstens auf Rennstrecken, trotzdem legte man die sogenannte Entwurfsgeschwindigkeit von vorneherein so fest. Es ist wohl müssig zu erwähnen, dass es private Investoren und Vordenker waren, die -wie bei der Eisenbahn- zunächst Planung und Bau vorantrieben, während staatliche Stellen desinteressiert bis ablehnend zuschauten.“
    Siehe dazu außerdem http://de.wikipedia.org/wiki/HaFraBa

  15. Micha sagt:

    @Martin:
    Dann hatte ich dich wohl falsch verstanden.

    Ich denke aber, dass das Netz die Selbstorganisation auf ein ganz neues Level hebt, weil auf einmal alle räumlichen Grenzen aufgehoben sind und die Chance, dass interessierte Menschen zueinander finden, dramatisch gestiegen ist. (Dadurch werden ja auch Universitäten als Treffpunkt interessierter Menschen ein Stück weit obsolet. Nämlich genau für die Bereiche, die keine Gerätschaften brauchen)

    Im Moment kann man sich seinen Staat (durch Umzug) ja noch aussuchen, wodurch der Willkür gewisse Grenzen gesetzt sind. Da der Trend aber zu immer größeren Staatenkonglomeraten geht, denen man irgendwann vielleicht nicht mehr entrinnen kann, könnte es langfristig wirklich finster werden.

  16. […] hatte mit meinem letzten Beitrag zu der neuen EU Initiative einen kleinen Wochenendplausch in den Kommentaren ausgelöst. Zunächst erst mal herzlichen Dank an […]

  17. Sebastian sagt:

    @Martin: Ich hatte bewusst gesellschaftlich geförderte Forschung und nicht staatlich geförderte Forschung geschrieben, da ich weiß, dass für dich der Staat nicht zur Gesellschaft gehört sondern diese ausbeutet. Bei mir ist der Staat letztendlich eine Ausdrucksform der Gesellschaft nach regulierter Macht und nicht etwas von Außen gegebenes. Aber ok, ich glaube da werden wir beide nie auf einen grünen Zweig kommen :-)

    Ansonsten habe ich die von Micha angesprochene Idee einer OpenSource Forschung nochmal in einem neuen Artikel vertieft, da ich diesen Gedanken auch schon mal hatte:

    http://sebstein.hpfsc.de/2008/03/20/die-andere-forschung/

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