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Komplizenschaft

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Kategorie Web | 4 Kommentare »

Bin gerade zurück von der Jahreskonferenz der Berliner Gazette. Die Konferenz drehte sich um das Konzept Komplizenschaft zwischen Expertengruppen wie Journalisten, Künstlern und Hackern, um gemeinsam gesellschaftliche Probleme zu lösen. Ich muss hier gleich mal meine Gedanken niederschreiben, da es doch ein sehr inspirierender Nachmittag war.

Die Konferenz fand im SUPERMARKT statt, den ich bisher nur als Veranstaltungsraum für Kleinkunst kannte. Der Nachmittag wurde von Thorsten Schilling eröffnet, der für die sponsernde Bundeszentrale für politische Bildung arbeitet. Für ihn bedeutet Komplizenschaft das Einreißen von Mauern zwischen Expertengruppen wie Künstlern, Journalisten und Hackern, um für gesellschaftliche Probleme neue Lösungsansätze zu finden. Mit Verweis auf seine ostdeutsche Herkunft mahnte er die Dringlichkeit von Komplizenschaft an, denn aus seiner Sicht bewegt sich gut 20 Jahre nach Fall der Mauer die Welt zurück in eine Totalüberwachung durch NSA & Co. Er charakterisierte dies als Übergang in den digitalen Stalinismus.

Die Professorin Gesa Ziemer von der Uni Hamburg näherte sich dem Begriff Komplizenschaft aus philosophischer Sicht. Sie grenzte ihn zum Beispiel gegen Netzwerk, Gruppe, Team und Freundschaft ab. Anhand ihrer eigenen Erfahrung war sie ursprünglich davon ausgegangen, dass es sich bei dem Phänomen um Freundschaft handelt, musste aber über die Jahre lernen, dass sie viel weniger Freunde hat, als angenommen. Komplizenschaft ist aus ihrer Sicht der treffende Begriff, da es im Gegensatz zu Freundschaft eine vereinende Funktion gibt und die Beziehung meist von kürzerer Dauer ist. Aus ihrer Sicht entsteht Komplizenschaft, wenn mehrere Personen zu einer gemeinsamen Überzeugung oder Entscheidung gelangen, einen Plan entwerfen bzw. sich organsieren und diesen dann auch umsetzen. Häufig wird der Plan aber trotz gemeinsamer Überzeugung nicht umgesetzt und es bleibt bei Bekundungen, was aber dann keine soziale Konsequenz hat.

Nach diesen eher philosophischen Vorträgen ging es im restlichen Teil der Konferenz um konkrete Beispiele, wie Komplizenschaft zwischen Expertengruppen in der Praxis aussehen kann. Im Projekt Offshore Leaks hatten über 80 Journalisten gemeinsam für ein Jahr zugespielte Bankdaten ausgewertet, um im Frühjahr 2013 eine weltweite Medienkampagne mit den Erkenntnissen zu systematischen Steuerhinterziehungen zu veröffentlichen. Hier eine Zusammenfassung des Projekts (vorgetragen von Stefan Candea und Sebastian Mondial):

Bei diesem Projekt war eine Komplizenschaft auf mehreren Ebenen für den Erfolg unabdingbar:

  • Informatiker mussten bei der Aufbereitung der zugespielten Daten helfen, diese zum Beispiel für die Journalisten recherchierbar machen
  • es mussten praxistaugliche Werkzeuge zur Absicherung der Kommunikation gefunden werden
  • Journalisten von sonst konkurrierenden Medien mussten sich auf Geheimhaltung und Veröffentlichungsdatum einigen, um den größtmöglichen medialen Erfolg aus ihren Untersuchungen zu erzielen

Die Diskussion dieses Projekts zeigte dann, dass dies lediglich ein mögliches Vorgehen solch einer Zusammenarbeit ist und man auch von früheren Vorgehen etwa im Umfeld von Wikileaks gelernt hatte. Es wurden auch die Unterschiede mit dem aktuellen Enthüllungsprojekt rund um die Snowden Dokumente dargestellt. Während bei Offshore Leaks zunächst eine Analyse der Daten stattfand und die Daten einer großen Anzahl von Journalisten zur Verfügung gestellt wurden, werden in der NSA Affäre die Snowden Dokumente von einer kleinen Gruppe ausgewertet und die dabei gewonnenen Erkenntnisse zeitnah aller 1 bis 2 Wochen veröffentlicht. Man war sich einig, dass es kein ideales Vorgehen gibt, sondern es weiterer Experimente bedarf und sich die Strategien auch weiterentwickeln werden.

Im nächsten Vortrag ging es um Komplizenschaft zwischen Autoren bzw. Firmen auf der einen Seite und Rezipienten wie Lesern oder Softwarenutzern auf der anderen. Prof. Mitsuhiro Takemura von der Uni Sapporo stellte das Phänomen Hatsune Miku vor. Mit der Software kann ein Nutzer durch Sprachsynthese eine virtuelle Sängerin einen selbst komponierten Song singen lassen. Stimme und das Mangaaussehen der Sängern sind durch den Softwarehersteller vorgegeben, aber die Melodien und Texte werden vom Nutzer erzeugt und in einer weltweiten Online Community geteilt. Das führt dann so weit, dass reale Konzerte mit 20.000 Besuchern stattfinden, bei diesen aber statt einer Band lediglich eine große Leinwand mit der virtuellen Sängerin zu sehen und zu hören ist.

Valie Djordjevic stellte die Beziehung zwischen Autoren von Büchern (etwa Harry Potter) oder Filmen (Star Trek) und den von Fans geschriebenen Geschichten vor (Fan Fiction). In der anschließenden Diskussion zeigte sich, dass viele Medienunternehmen diese Mitautorenschaft bewusst anstreben und ihre Kreationen als Plattformen auslegen. Rednern und Publikum konnten sich aber nicht entschließen, ob dies eine gute oder schlechte Entwicklung ist. Gerade bei diesem Programmpunkt hatte ich dann doch etwas Tiefe vermisst, denn in der Soziologie wird die Schöpfungsbeziehung zwischen Autor und Rezipient schon seit fast 100 Jahren diskutiert.

Der letzte Programmpunkt zu alternativen Geld- bzw. Bankensystemen funktionierte weniger gut, da sich die philosophische Fragestellung dahinter erst in der teils kontroversen Diskussion zeigten. Eleanor Saitta versuchte zu zeigen, dass beim Entwurf eines neuen Bankensystems zunächst die gesellschaftlichen Fragen zum Wirtschaftssystem geklärt werden müssen, bevor eine technische Umsetzung stattfinden kann. So muss zum Beispiel der Wunsch nach individueller Anonymität und Freiheit mit der Notwendigkeit von Transparenz zur Vermeidung von Betrug (siehe Offshore Leaks) vereinbart werden, bevor eine Kodierung der gesellschaftlichen Prozesse als eine neue Form des Geldes stattfinden kann. Dieser sehr radikale Ansatz überforderte dann zumindest einen Zuhörer, der schon alle Probleme mit Bitcoins behoben sah :-) Den konkreten Zusammenhang zu Komplizenschaft zu erkennen, fiel mir aber auch etwas schwer…

Auch während der Vorträge fand eine Komplizenschaft mit den Zuhörern statt. Das Publikum beteiligte sich auch Dank der sehr guten Moderatorinnen sehr aktiv an der Diskussion. Gleichzeitig fand auf Twitter unter dem Hashtag #bgcon13 eine aktive Diskussion statt und Meinungen auf Tweets wurden von den Moderatoren aufgegriffen. Die Vorträge wurden auch live ins Netz übertragen. Am meisten beeindruckt hat mich aber die während der Vorträge stattfindende grafische Komplizenschaft. An mehreren Flipcharts dokumentierten Personen das Gesagte direkt während des Vortrags. Hier eine grafische Aufzeichnung zum Vortrag von Prof. Mitsuhiro Takemura, weitere beeindruckende Beispiele gibt es auf Flickr:

Graphical Recording zum Vortrag über Hatsune Miku

Insgesamt war die Complicity Konferenz der Berliner Gazette ein willkommener Anlass für mich, mal etwas über den Tellerrand zu schauen und quer zu denken. Schade ist nur, dass nach solch einer Konferenz erst mal keine konkrete Fortsetzung für mich steht, denn gerade die Zusammenarbeit von Journalisten und Hackern erscheint mir aktuell relevanter denn je. Aber mal schauen, was sich noch ergibt…

4 Kommentare to “Komplizenschaft”

  1. Ich verstehe nicht, warum der Begriff „Komplizenschaft“ gewählt wurde. Da denke ich zuerst an Verbrecher und eine kriminelle Tat. Mich hätte die Abgrenzung dieser im Deutschen gebräuchlichen Nutzung von der neuen Verwendung interessiert.

    Klingt für mich nach Marketing-Buzzword.

  2. Sebastian sagt:

    Es ist kein Marketing, außer dass Menschen immer Begriffe brauchen und finden, um sich zu verständigen. Dass Komplizenschaft eine negative Konnotation hat, wurde auch von Prof. Ziemer angesprochen. Letztendlich interessiert aber das Phänomen dahinter: Warum begehen Menschen gemeinsam eine Tat? Was ist nötig, um eine politische Aktion entstehen zu lassen? Kann man sowas konkret fördern?

    Letztendlich ging es in der Konferenz darum, Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zusammen zu bringen, um vielleicht mit etwas Glück eine Komplizenschaft zu fördern, die für kleine positive Veränderungen sorgt.

  3. Man hätte auch einfach von „Zusammenarbeit“ sprechen können.

  4. Cao Duy sagt:

    Ja für mich hat der Begriff auch irgendwie einen negativen Beigeschmack. Zusammenarbeit oder Teamwork ist doch viel freundlicher :)

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