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Selbstversuch: Mit der Bahn zum Geschäftstermin

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Kategorie Rest | 5 Kommentare »

Beruflich bin ich gezwungen, 4-5 mal pro Jahr in die Schweiz nach Zürich zu reisen. Bisher bin ich mit dem Flieger angereist, doch in Zeiten von #Flugscham wollte ich mich einmal an #Bahnstolz probieren. Ein Erfahrungsbericht.

Reisefakten

Mein erster Ansatz war, meinen Kunden mit Hinweis auf den Klimawandel zu weniger persönlichen Treffen vor Ort zu überzeugen. Das ist nicht so leicht, da Treffen aller 2-3 Monate nicht unbedingt häufig sind und mir etwas die Argumente fehlen. Bleibt also nur, die Reise klimafreundlicher zu gestalten.

Die Strecke Berlin-Zürich ist nicht kurz. Per Auto sind es rund 850km. Von Berlin gibt es Direktflüge, Kosten ca. 150€ für Hin- und Rückflug in der Economy Class. Von Tür zu Tür bin ich mit dem Flugzeug 4-5 Stunden unterwegs. CO2 Belastung laut diverser Online Rechner: min. 300kg

Die beste Bahnverbindung führt mich mit einmal Umsteigen in Frankfurt oder Mannheim nach Zürich. Von Tür zu Tür benötige ich knapp 10 Stunden, also etwa doppelt so lang, wie mit dem Flugzeug. Die Bahnfahrt kostet in der 1. Klasse mit Sitzplatzreservierung und Zugbindung hin und zurück knapp 300€, also auch doppelt so viel, wie das Flugzeug. Dafür habe ich natürlich wesentlich mehr Beinfreiheit und Komfort, als im Flugzeug. Laut UmweltMobilCheck der Deutschen Bahn verursacht die Bahnfahrt nicht mal 1kg CO2!

Reise ich mit der Bahn, benötige ich einen zusätzlichen Tag. Betriebswirtschaftlich lohnt sich das nur, wenn ich diesen Tag arbeiten und abrechnen kann. Ansonsten müsste ich den Verdienstausfall auf die Kosten der Bahnfahrt aufsummieren und das Rennen wäre sofort entschieden.

Arbeiten im ICE

Am 11. August habe ich meinen Sonntag genutzt, um die Bahnfahrt zu testen. Speziell hat mich interessiert, ob ich in der Bahn arbeiten kann. Ich habe also meinen Laptop ausgepackt und verschiedene Sachen gemacht, die ich auch sonst während eines typischen Arbeitstages tue.

Ich benötige für meine Arbeit eine stabile Internet Verbindung, da ich die meiste Zeit direkt auf Systemen des Kunden arbeite. Dazu nutze ich diverse ssh Verbindungen und Tunnel.

Im ICE gibt es kostenloses WLAN. Das hat auf der gesamten Strecke verhältnismäßig gut funktioniert. Einzig auf den rund 90 Minuten zwischen Erfurt und Fulda war das Internet nicht sinnvoll nutzbar. Auf dieser Strecke quält sich der ICE durch ein Gebirge und bei den zahlreichen Kurven hat man auch schon Probleme, den Laptop nur auf dem Tisch festzuhalten. Zeit also für Mittagspause. Schön an der 1. Klasse im ICE ist, dass man sich Essen und Getränke aus dem Bord Restaurant an den Platz bringen lassen kann. Im Flugzeug hingegen bekommt man nur ein Brötchen mit vertrocknetem Salat.

Alles in allem ging das Arbeiten gut – bis Karlsruhe. Da blieb der ICE im Bahnhof stehen, da inzwischen die 2. Klasse überfüllt war. Der Zug wartete 40 Minuten, bis genügend Personen den Zug verlassen hatten, um zum Beispiel einen anderen Zug zu nehmen. An Arbeiten war nun natürlich nicht mehr zu denken, da allgemeine Aufregung im Zug herrschte.

Ungünstig war auch, dass ich nach dem Umsteigen in einem 6er Abteil saß. Dort kann man nicht arbeiten, weil man zu eng sitzt und keinen eigenen Tisch hat.

Am Ende fuhr der ICE nicht bis Zürich durch, sondern wurde wegen der großen Verspätung in Basel aus dem Verkehr genommen. Ich musste also nochmal umsteigen. Ich kam in Zürich mit über 1 Stunde Verspätung an.

Fazit

Ein Arbeiten im ICE ist möglich und ich könnte den Arbeitstag tatsächlich im Zug verbringen, statt nach Feierabend schnell mit dem Flieger nach Zürich zu jetten. Für alle, die offline arbeiten können, also nicht eine ständige Internet Verbindung benötigen, ist dies sehr gut möglich. Hoffnung auf einen schnellen flächendeckenden Ausbau der Mobilabdeckung hegt hingegen hoffentlich keiner mehr.

Bekannter Nachteil der Bahn ist die Unzuverlässigkeit. Die Probleme mit den überfüllten Zügen und ausfallenden Klimaanlagen sind nicht neu. Dafür wird es keine schnelle Abhilfe geben. Im Prinzip müsste man das gesamte Ticketsystem umstellen, indem nur noch Fahrkarten mit Sitzplätzen verkauft werden. Tickets ohne Zugbindung würde es dann nicht mehr geben.

Positiv am Reisen mit der Bahn ist der Kontakt zu anderen Menschen. Im Flugzeug oder Flughafen kommt man in der Regel nicht ins Gespräch mit anderen Business Kaspern wie mir. Das Chaos im Zug hingegen verbindet und sorgt für Gesprächsstoff :-)

Ich werde bei der nächsten Dienstreise die Rückfahrt mit dem Zug probieren. Ich schleiche mich beim Kunden eher weg, so dass ich noch am gleichen Tag bis nach Hause komme – falls der Zug nicht wieder unterwegs stehen bleibt…

5 Kommentare to “Selbstversuch: Mit der Bahn zum Geschäftstermin”

  1. Thomas Bensler sagt:

    Ich musste ~2008 gelegentlich zum Arbeiten in die Schweiz. Hab damals den Nachtzug genommen, Einzelabteil, denn der Auftraggeber hat es bezahlt, damals irgendwas 200-250€. Klimatisiert, mit eigener Dusche, moderner Doppeldeckerwagen wo nichts klappert (wie in 4er- und 6er Schlaf-/Liegewagen), morgens beim (Flugzeug-)Frühstück gleiten draußen die mit Pendlern gefüllten Bahnsteige von Freiburg an einem vorbei … . Sonntag nach dem Abendessen von zu Hause weg und kurz nach 9:00 ausgeschlafen am Zielschreibtisch sitzen fand ich schon sehr cool. Ok, ich schlaf sehr gut, wenn es leicht schuckelt, Kinderwagenspätfolge vielleicht, mag bei anderen anders sein.

  2. Sebastian sagt:

    Oh ja, ein Nachtzug wäre perfekt! Leider hat die Deutsche Bahn alle Nachtzüge schon vor Jahren eingestellt :-(

  3. Thomas Bensler sagt:

    Meine DB-App schlägt vor:
    NJ471, B Hbf ab 21:07, Zürich an 09:42, 0 mal Umsteigen

  4. Sebastian sagt:

    Wie geil ist das denn?! Ich hatte vor ein paar Monaten geschaut und da gab es den noch nicht :-)

  5. Thomas Bensler sagt:

    Ich gehe davon aus, der Erfahrungsbericht erscheint dann hier ;)

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